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Warum ist Lobbyarbeit für den Mittelstand so wichtig?

Mittelstand: Macht mehr Lobby!

Mittelstand: Macht mehr Lobby! - Diese Forderung klingt wie ein Antagonismus, denn er widerspricht einigen grundlegenden und populären Annahmen: Zum einen würden sich nur große Unternehmen und Konzerne Lobbyistinnen und Lobbyisten leisten, da diese verhältnismäßig teuer sind und der ROI für Interessenvertretung nur langfristig spürbar ist. Zum anderen seien mittelständische Unternehmen im Vergleich zu Konzernen und NGOs (wie zum Beispiel dem ADAC oder Greenpeace) schlichtweg zu klein, um mit ihren Interessen Gehör zu finden. Diese Annahmen sind plausibel aber unvollständig.

Es ist richtig, dass sich die Investition in eigene Interessenvertretung für KMUs auf den ersten Blick kaum unmittelbar lohnt. Daher ist beinahe der gesamte Mittelstand in Deutschland in einer kaum zu überschauenden Landschaft aus Verbänden organisiert, die diese Vertretung kumulativ übernehmen. Das ist auch richtig, da sich die Interessen des Mittelstands vordergründig gut zusammenfassen lassen. Mittelstand profitiert von wenig Bürokratie, Abschreibungserleichterungen, Erleichterungen bei den Lohnnebenkosten, gut ausgebildetem Nachwuchs an den Universitäten und durch die IHKs. Zudem ist der Mittelstand regional und überregional auf gut ausgebaute Infrastruktur und auch auf eine liberale Einwanderungspolitik angewiesen. All diese Forderungen und einige weitere mehr lassen sich im Forderungsprofil beinahe aller Mittelstandsverbände wiederfinden. Daher ist es auch sinnvoll, dass sich diese Verbände wiederum zusammenschließen, um ihren Forderungen noch mehr Gewicht zu verleihen.

So ist die Mittelstandsallianz unter der Führung des BVMW e.V. (Bundesverband Mittelständische Wirtschaft) ein Zusammenschluss von mehr als 30 Verbänden, die sich mindestens auf die oben aufgelisteten Punkte einigen können und damit eine der gewichtigsten Stimmen der deutschen Wirtschaft bilden. Zur Mittelstandsallianz gehören zusammen mit weiteren Verbänden der Händlerbund e.V., Bund der Steuerzahler e.V., Bundesverband IT-Mittelstand e.V., Bundesverband Breitbandkommunikation e.V., Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer e.V., Bundesverband Sekundärstoffe und Entsorgung e.V. aber auch der Verband deutscher Realschullehrer e.V. und Deutscher Betriebssportverband e.V.

Der geneigten Leserin und dem geneigten Leser wird nun auffallen, dass das Verständnis von Mittelstand hier ein weites ist. Dies ist zweifelsohne nachvollziehbar, da der Mittelstand in Deutschland auch traditionell einen integrativen Charakter hat. Es führt aber zwangsläufig zu einer Frage: Wie kann eine Allianz aus zum Teil so heterogenen Verbänden gleichzeitig die vielen kleinteiligen und manchmal widersprüchlichen Interessen seiner Mitgliedverbände vertreten? Die Antwort ist klar: Sie kann es nur, wenn sich die Interessen überschneiden oder das eine Interesse im politischen Diskurs gerade mehr Gewicht hat als ein anderes. Dem Online-Handel ist das Thema „Belegpflicht für Lenkzeiten bei Personenbeförderung“ (aus professioneller Sicht) herzlich egal, während die Omnibus-Branche sicher wenig Interesse an der aktuellen „Verpackungsverordnung“ hat. Es liegt in der Natur großer Interessenverbände, dass sie vor allem die großen Nägel einschlagen. Die kleinen jedoch werden entweder als Kollateralnutzen mitgenommen oder den spezialisierten Verbänden überlassen, denen dann wiederum die Durchsetzungskraft fehlen kann. Dies ist keine Anklage, sondern lässt sich als Tendenz für alle sozialen Organisationen feststellen und ist praktisch unvermeidlich.

Was heißt das nun aber für mittelständische Unternehmen? Unterstützen sie die Forderungen der großen Verbände und verzichten auf den mühsamen Kampf, Einzelpositionen in den Verbänden durchzusetzen? Ja, das kann es heißen. Denn die Verbände sind bei den großen Projekten (beispielsweise dem Ausbau der digitalen Infrastruktur in Deutschland) dringend auf die Unterstützung ihrer Mitglieder angewiesen. Diese Themen benötigen breite Unterstützung, da sie letztlich für den politischen Druck von der Graswurzel aus sorgen.

Die Antwort sollte aber auch nein lauten. Unternehmen können ihre Expertise und ihre Bedürfnisse auch aktiv und mit Durchhaltevermögen bei den Verbänden artikulieren, indem sie sich in den Strukturen der Verbände (Arbeitskreise, Ausschüsse etc.) bewegen und sich für weitere Repräsentation empfehlen. Je aktiver und kompetenter eine Unternehmensvertretung langfristig in einem Verband ist und je nachdrücklicher es Positionen formuliert, desto höher wird die Akzeptanz spezifischer Forderungen von Seiten des Verbandes sein. Hierbei gilt es allerdings mit Erfahrung und Kenntnis der Verbandslandschaft abzuschätzen, welche Forderungen zu der Positionierung welches Verbands passen. Dies ist ein wichtiges Kriterium für Verbände, wenn es um die Frage geht, welche Positionen die eigene Agenda ergänzen können.

Hier ein Beispiel aus unserem Haus. 4SELLERS hat sich im Sommer 2018 entschieden Ressourcen bereitzustellen und Verbandsarbeit und damit Politik mitzugestalten. Hierfür wurde eigens eine Position geschaffen und mit einer langfristigen Strategie versehen. Kein üblicher Schritt für einen Mittelständler. Seither hat sich 4SELLERS in vier der relevantesten Verbände positioniert, die an der Schnittstelle der IT-Branche, des Mittelstands und des E-Commerce‘ stehen. Wir sind mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in deren wichtigsten Arbeitskreisen und Gremien vertreten und setzten bereits erste inhaltliche Impulse. So haben wir uns aktiv dafür eingesetzt, dass der BITKOM e.V, die Anforderungen des digitalen Mittelstands in sein Forderungspapier zur Europawahl aufnimmt („Towards European Leadership in Innovation“). Wir haben den Verbänden und politischen Ansprechpartnern und -partnerinnen einen Vorschlag unterbreitet, wie das Instrument der Sonderabschreibungen für Investitionen in die Digitalisierung besser gestaltet werden kann, um das Risiko langfristiger verplanter Unternehmensressourcen für den Mittelstand zu verringern.

Wir werden dieses Engagement weiterführen und folgen dabei vier wesentlichen Maßstäben:

  1. Wir sind Dienstleister des Mittelstands und des Handels, das heißt, unsere Interessen sind die Interessen unserer Kunden.
  2. Eigene Interessenvertretung bedeutet langfristiges Engagement und beinhalten Reputationsaufbau und Lernprozesse für den Mittelstand.
  3. Manchmal müssen Interessen durchgesetzt werden. Langfristige Erfolge liegen jedoch in Synergien. Diese zu finden ist unser wesentlicher Antrieb.
  4. Wir und unsere Kunden und Partner sind Experten und Expertinnen in der Digitalwirtschaft. Dies bestimmt unser Selbstverständnis.

Was bleibt sind eine Überzeugung und eine Haltung. Wir sind davon überzeugt, dass einige der wesentlichen politischen Kräfte den Anschluss an die aktuellen Entwicklungen um die Digitalisierung zu verlieren drohen. Wertschöpfungsmodelle ändern sich nachhaltig, so muss sich auch Wirtschaftspolitik nachhaltig ändern. Ein Festhalten an Erfolgsmodellen aus dem 20. Jahrhundert darf nicht pauschal geschehen, sondern muss sich anhand neuer Gegebenheiten messen lassen. Das wird schmerzhaft und erfordert politischen und unternehmerischen Mut.

Unsere Haltung ist hierbei, dass der Mittelstand als der größte Arbeitgeber, sprichwörtliches Rückgrat und Innovator der deutschen Wirtschaft seine Bedürfnisse und Forderung aktiv formulieren muss. Hier sind die Verbände ein wirkungsmächtiges Instrument, das es aktiv zu nutzen gilt. Wir müssen jedoch auch weiterdenken und nachhaltig eigene Impulse setzen. Diese können wir selbst spielen aber auch in die Verbände hineintragen. Wird uns das etwas kosten. Ja, das wird es. Wird es uns weiterbringen? Davon sind wir überzeugt. Kleinteilige Forderungen können große Wirkung haben und müssen artikuliert werden. Wir – der Mittelstand, der Handel und besonders die mittelständische IT-Wirtschaft – sind zu wichtig, um unsere Expertise nur für uns zu behalten. Seien wir laut und kompetent.

Veröffentlicht am: 28.05.2019
Von Michael Nitsche, Strategic Partner Manager